Die Urlaubs-Erpresserin

Anscheinend habe ich einen neuen Nebenjob: Ich erpresse liebe Menschen, damit sie mit mir in Urlaub fahren. Muss ich allerdings noch was für üben.

Warum der ganze Aufruhr, könnte jeder geistig gesunde Beobachter jetzt fragen? Mein Gott, der Mann war ein Wochenende weg, ist ja kein Ding.

Sollte es nicht sein und wäre es auch so gut wie an keinem anderem Wochenende gewesen. Dem Köter sein Kern ist doch, dass wir offensichtlich ein unterschiedliches Bedürfnis an Nähe und Distanz haben.

Was ich bisher immer so hingenommen habe und dann, naja, dann hat der Hamburg-Trip alle meine Trigger aktiviert. Und oh mein Gott, es sind viele Trigger.

Mir ist vollkommen klar, dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse nach Nähe haben und ich kenne durchaus einige Menschen, die davon auch noch sehr viel mehr brauchen als ich. Was, ihr trefft euch nicht jeden Tag? Entsetzte Gesichter.

Nein, ich will das auch nicht. Ich bin ganz froh, wenn ich nach einem schönen Abend unter Menschen auch wieder Zeit für mich habe. Ich muss nicht die ganze Woche mit Erlebnissen vollpacken, ich komm ganz gut klar.

Er hingegen packt die ganze Woche mit Erlebnissen voll. Alles schön und gut, meine Intro-Zeiten sollten ihm ja eigentlich die Gelegenheit geben, das zu machen. Trotzdem machte sich in den vergangenen Monaten bei mir manchmal das Gefühl breit, dass ich halt in erster Linie zwischen diese Erlebnisse geschoben werde. Zwar mit Regelmäßigkeit, aber ja, irgendwie so dazwischen.

Aber zunächst zum Hamburg-Erlebnis: Er meldet sich von da, ruft an, sagt er würde mich gern nächste Woche häufiger sehen. Ich mache weiter fleißig Pläne für Kalifornien und sage ihm, dass wir dann auch mal was buchen müssten – schließlich ist mein einziges Urlaubsfenster für die nächsten Monate in drei Wochen.

Wir verabreden uns für den Montag nach Hamburg. Am Vortag suche ich ein Restaurant raus, das Okonomiyaki anbietet, japanische Pfannkuchen, sozusagen. Wir hatten da schon häufiger drüber gesprochen, dass es dafür nicht mehr viele Optionen in Berlin gibt und das „sein“ Laden dafür zugemacht hat.

Cooler Plan, denke ich und schlage also am Sonntag vor, dass wir am Montag dahingehen könnten?

„Lass mich bitte erstmal den Tag überstehen morgen. Ich freue mich dann auf einen gemütlichen Abend“, schreibt er mir.

Ehhh, ok? Ich persönlich finde Essen gehen sehr gemütlich. Man geht dahin, man bestellt, jemand bringt einem Essen. Diese Antwort jedoch verstört mich erstmal sehr. Ich weiß, dass er am Montag einen superharten Tag auf der Arbeit vor sich hat, aber….ich wollte den Tag ja nur besser machen? Ein bisschen Vorfreude bieten?

Ob ihm dann Dienstag lieber wäre, wenn er Montag noch zu geschafft ist, frage ich? Das zieht sich alles etwas hin und her, am Ende sagt er Montag dann, nein er würde gern essen gehen.

Montagabend sagt er dann, das Restaurant sei aber sehr weit weg. Ok, sage ich, dann komme ich zu ihm und wir essen da in der Gegend was.

Ich komme an, er ist sichtlich erschöpft. Der Empfang ist nicht kühl, aber jetzt auch nicht überschwenglich. Wir gehen zum Restaurant, er berichtet mir von der extremen Müdigkeit. Ich erkunde mich nach dem Arbeitstag. „Ja, und gestern bin ich halt auch sehr spät wiedergekommen.“

Da sind wir wieder bei Hamburg.

Sorry, aber dass du am Sonntag vor so einem harten Tag erst spätabends zurück fährst, da kann ich jetzt wenig für, denke ich.

Wir sitzen und bestellen – er berichtet, dass er endlich Freundin M. treffen würde morgen. Dann könne er endlich mal fragen, was da Phase wäre.

Freundin M. ist die Freundin, die so halb in den USA lebt und die er in den USA besuchen wollte. Also sie und ihren Partner. Von denen er gesagt hat, er werde denen jetzt nicht mehr hinterher laufen, weil sie ihn und seine Urlaubspläne zuletzt nur ignoriert hatten. Die Tatsache, dass er den Urlaub mit mir irgendwie auf die lange Bank schiebt und gleichzeitig diesen Menschen schon fast hinterherläuft (nichts gegen diese Menschen, ich kenne sie nicht), hat mich halt nicht fröhlich gestimmt.

Was Phase ist?, frage ich und bin erstmal wieder vollkommen entsetzt. Ich dachte, wir fahren zusammen in die USA und du wolltest denen nicht mehr hinterher laufen? Ich dachte, wir könnten heute bisschen was planen?

Jaja, sagt er. Aber er wolle doch nur mal fragen und ich solle mal abwarten. Das sei ja nur Option B.

Wir essen und reden weiter, ich bin absolut nicht mehr in der Lage, ein Gespräch aufrechtzuerhalten. Option B? Er hatte mir gesagt, wir fahren und jetzt ist das Option B? Mein Blutdruck steigt, ich will kein Aufhebens mehr machen, versuche mich zusammenzureißen, aber scheitere am Ende.

Fast Forward zu erneutem Krisengespräch also:

Wie ich denn wieder so eine Welle machen könne?

Dass unser Urlaub die Option B ist, habe ich wohl falsch verstanden. Das nehme ich auch ganz auf meine Kappe. Allerdings, naja….warum ist das jetzt wieder Thema, wenn er doch gesagt hat, wir fahren zusammen? Zwischenzeitlich war ja sein Plan schon, dass er dann allein dahin fährt, da ich ja nicht bei seinen Freunden auf der Couch übernachten wolle.

Für mich wäre das ein Kompromiss, wenn man gern Zeit zusammen verbringen will: Komm, wir fahren zusammen, machen das, was du machen wolltest, treffen uns mit deinen Freunden und machen auch noch etwas, das mir dann Spaß macht. Aber wir nehmen uns ein Hotelzimmer, AirBNB, was auch immer – ich möchte nicht irgendwo auf der Couch pennen.

Den einen Teil des Kalifornien-Pärchens hatte ich nämlich schon kurz kennengelernt und er sagte zu ihm, in höchst amerikanischer Freundlichkeit: Klar, kannst gern kommen aber wir haben da eine sehr social Air BNB Living Situation.

Was für mich eh heißt, komm vorbei, aber schlafen kannst woanders. Und selbst wenn es das nicht heißt, würde ich halt gern im Urlaub dann Zeit mit dem Boyfriend haben und auch Privatsphäre und keine zehn Ami-Hippies nachts durch meinen Schlafraum zum Bad springen haben.

Das fand der Boyfriend zunächst unzumutbar und meinte, dann fährt er halt allein. Wenn wir da nicht schlafen, dann bräuchte er die Leute da auch nicht, sagte er. Ja, lol. Haben wir diese ganzen Diskussionen ernsthaft nur, damit Mann Geld sparen kann? Dann zahl ich lieber fürs Hotel.

Was ich wiederum unzumutbar fand, in dieser Gemengelage. Was uns wiederum zum Knackpunkt führt: Das Reisen hat für mich höchste Priorität. Also die allerhöchste. Verflucht mich und shamed mich, aber Fernreisen sind mein Lebenselixier. Ich wäre nicht so alt geworden, wie ich es heute bin, ohne die Möglichkeit, in ein Flugzeug zu steigen.

Und der Boyfriend liebt es auch. Ist doch prima, könnte man meinen? In seinen bisherigen Beziehungen scheint er aber selten die Gelegenheit gehabt zu haben, mit der Partnerin zu verreisen. Immer konnte jemand gerade nicht oder konnte es sich nicht leisten.

Gut und hier bin ich – ich kann es mir leisten und ich will es. Ich habe eine sogenannte Eimer-Liste, aber halte mich für kompromissbereit, bei Zielen, Unterkünften, Reiseprogramm. Wo ich nicht kompromissbereit bin? Beim Allein-Reisen.

Ich hätte diese Beziehung nicht begonnen, wenn ich nicht gedacht hätte, dass er mitkommen wollen würde. Weil, wieso sollte man das nicht wollen, wenn man auf Reisen steht und auf den anderen?

Weit gefehlt. Für mich ist es eine notwendige Bedingung für eine Beziehung, dass man die Urlaube – und ich meine alle meine Urlaubszeit, zusammen verbringt. Sonst weiß ich nicht, ob das so funktionieren kann, sagte ich ihm.

Besonders im Hinblick auf die Tatsache, dass er bereits von seinem (grundsätzlich) dringenden Kinderwunsch gesprochen hat.

Realistisch gesehen heißt das für mich, wenn es mit uns funktioniert – prima, dann gibt es in ein paar Jahren ein Kind. Und dann ändert sich das Leben – und eben auch das Urlauben sehr.

Ich drücke das im Eifer des Gefechts gern alarmistisch aus, aber am Ende bleibt: Mit einem 2-Jährigen ist die Zeit für spontane Flüge um die Welt erstmal vorbei. Meine Denke ist also, entweder es klappt, dann ist die Zeit für Pärchenurlaub durch – oder es klappt nicht, dann hat man mal einen schönen Pärchenurlaub gehabt immerhin.

Und ich bin nicht mehr jung: Mir bleiben bis zum Ablaufdatum der Eizellen realistisch gesehen noch was? Drei Jahre? Also sechs Urlaube.

Dass ich diese sechs Urlaube aber dann mit ihm verbringen will, ausschließlich, um eine gemeinsame Zukunft wirklich in Erwägung zu ziehen, ist zu viel verlangt.

Ja, er würde lieber Schluss machen, als mir ausschließlich gemeinsames Urlauben zu versprechen. Das sei schließlich Erpressung.

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